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Essay / Beobachtungen und Gedanken zur Kulturarbeit                      Cornelius Wandersleb

All that glitters is not gold

- Plädoyer für eine enge Zusammenarbeit von Schulen und Kultureinrichtungen
- Selbstaffirmation, Nebel und das aktuell schwierige Paar ‚Kultur und Gesellschaft‘

Dass öffentliche Kultureinrichtungen wie das Kulturhaus Schwanen direkt oder indirekt im Sinn einer Entwicklung des mündigen Menschen wirken, ist keine Gewissheit, sondern eine zu überprüfende Annahme. Im Fall des Schwanen ist es im kulturellen Bereich (um den allein soll es hier gehen) vor allem die Jugendkulturwoche „Bunt statt Braun“, ein präventiv gedachtes Kulturprogramm für Vielfalt und gegen Rassismus, welche sehr klar in diese Richtung geht. Doch das ist eine Woche im Jahr und eine gemeinsame Aktion verschiedenster, und nicht nur ‚kulturtreibender’, Einrichtungen.

Was passiert in den 51 anderen Wochen im Schwanen? Und was anderswo?

Bleiben wir mit der Bestandsaufnahme erst mal beim Schwanen. Hier drei Punkte oder Wegmarken, die uns bei der kulturellen und sozialen Orientierung halfen/helfen:
a) Ein ’begleiteter interkultureller Öffnungsprozess’. Mitarbeiterinnen des Stuttgarter Vereins „Forum der Kulturen“ (im Verbund mit dem damals grün-roten Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst) haben dem Schwanenteam über mehr als ein Jahr hinweg Fragen gestellt und so Diskussionsprozesse ausgelöst. ‚Wer kommt ins Haus? Für wen öffnet ihr das Haus, wer fühlt sich hier wohl?’ Wir realisierten, dass wir zwar Künstler aus aller Welt auf die Bühne bringen, im Publikum aber wenig Menschen mit bi- oder multinationaler Biographie haben. Welche hier leben, Steuern zahlen, im kommunal finanzierten Schwanenprogramm aber nichts für sich finden. Und auch im Team, also personell, nicht vorkommen. Und dass die vielen international gemischten Teilnehmer der Deutschkurse im Haus nur selten den Weg in eine unserer Veranstaltungen finden. Warum?! Weshalb?! Einfache Fragen – komplexe Antworten und Maßnahmen für den Versuch einer gesellschaftlichen Neu-Verortung des Schwanen.

b) Die zweite Wegmarke hat mit einer vom ganzen Schwanenteam geteilten Erfahrung zu tun: Immer, wenn Schülergruppen im Haus sind – in der Regel sind das Theater-AGs von Waiblinger Schulen, die hier eine Woche lang die Endproben haben und dann aufführen –, passiert 
etwas anderes als sonst. Etwas, das unserer Arbeit mehr Sinn zu geben scheint als alles andere. Es ist so etwas – ich finde kein deutlicheres Bild – wie das Rauschen eines Flügels und hängt mit der Unbeschwertheit, Offenheit und Authentizität der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zusammen. Da machen Konflikte und Aufgaben von Herz, Hirn und Hand nicht an der Bühnenkante Halt. Da ist plötzlich so vieles möglich, heißt es „alles oder nichts“, und zwar „hier und jetzt“. Und dann stehen auf einmal andere Leute, selbstbewusste, mutige junge Charaktere auf der Bühne, und vor dem Haus. Ein Sprung fürs Leben. Eine im Kern ähnliche Erfahrung machen wir seit 2 Jahren an den Tagen des zusammen mit dem Staatlichen Schulamt Backnang organisierten Schulband-Festivals.



c) Die dritte Markierung hat mit der zweiten zu tun und heißt ‚Café Babel’.  Das „Rauschen des Flügels“ (s.o.) kommt auch noch von daher: Die Theater-Gruppen und auch das Schülerpublikum bilden in der Regel ein breites Spektrum der Gesellschaft ab. Das ist kein „freies“ Publikum, das sind keine zufälligen Besucher, und auch die Spieler selbst sind nicht immer nur die Wonnigen/Sonnigen. Das ist schon beim Gymnasium so, und es steigert sich vom Gymnasium zur Realschule, von der Realschule zur Grund- und Werkrealschule. Es mag komisch klingen, aber gerade die Theaterarbeit, bei der abgehängte, im Sinn von Leistung oder Erfolg eher wenig punktende Jugendliche zusammen mit den ‚Starken, Guten und Schönen’ etwas proben, etwas aufbauen, geht irgendwie direkt ins Herz. Bei der vor drei Jahren zusammen mit der freien bühne stuttgart gegründeten Café Babel Produktion wird dieses Nicht-Auslese-Prinzip noch erweitert. Junge Kriegsmigranten wurden ins Ensemble eingeladen, junge Menschen mit Down Syndrom und junge Leute, die sozialer Betreuung bedürfen. Neben Schülern aller Schularten und Studenten und Leuten in Ausbildung. Gespielt werden nicht zuletzt eigene Geschichten, selbst entwickelte Themen. Das ist soziale Arbeit, nicht im üblichen Sinn von Sozialarbeit, sondern in dem von Arbeit und Zusammenfinden einer scheinbar absolut heterogenen Gruppe im Medium von Theaterspielen, Singen und Tanzen. Soziale Arbeit als Kulturarbeit, Kulturarbeit als soziale Arbeit, die damit erst zu sich selber kommt.



Jetzt das angekündigte, nicht mehr nur für den Schwanen gedachte Plädoyer
Kulturhäuser haben Räume für Kulturveranstaltungen, Schulen haben Schüler und Lehrer. Immer mehr Schulen begreifen die Wichtigkeit schuleigener, von der Schule produzierter Veranstaltungen (Theatervorstellungen, Konzerte) für das Leben und die Entwicklung der Schule, der Schüler, Lehrer und Eltern.

In der Regel sind in einer Schule Räume, die für Kulturveranstaltungen geeignet sind, nicht oder nur sehr bedingt vorhanden. Was liegt näher, als in geeignete Raume zu gehen, wenn sie (zwar nicht in der Schule, aber) kommunal vorhanden sind? Und wenn sie, wie oft der Fall, nicht immer belegt sind. Und wenn sie, wie immer der Fall, grundsätzlich einfach belegbar sind.

Alle Lehrer, mit denen wir im Rahmen der schulischen Theater- und Musikprojekte zu tun haben, betonen, dass es ein Riesenvorteil ist, dass ihre Schüler die Möglichkeit bekommen, statt in ihrer Schule im Kulturhaus Schwanen, also an einem Ort, der nicht Schule ist, auftreten zu können. Besonders, weil dieser Ort ein öffentlicher Veranstaltungsort ist. Sie kommen aus dem beschützten Rahmen der Schule heraus und hinein ins „richtige“ Kulturleben. Da weht ein anderer Wind, da tritt man unter professionellen Bedingungen vor einem kritischen Publikum auf, da muss man sich anders anstrengen und bewähren.


All das gilt in gleichem Maß für die Proben oder Endproben. Eine Entwicklung der Ensembles kann eigentlich nur stattfinden, wenn sie mehrere Probentage, eine Generalprobe und ein paar Aufführungen haben. Die eine oder andere Theater-AG probt sogar das ganze Jahr in einem der vielen Kursräume im Haus – und immer, wenn er frei ist, im Saal.
Es geht dabei nicht nur um Räume und Technik, sondern auch um den persönlichen Support: um die Bühnen-, Ton- und Lichttechniker (und auch um alle anderen Leute, die im Haus arbeiten). Das tagelang anhaltende enge Geflecht von Theaterlehrern, Ensemble und Technikern (die ja bei weitem nicht einfach ausführen, was verlangt wird, es ist eher umgekehrt) bringt oft mehr zustande als monatelanges Proben in der Schule. Für die Schüler ist das eine exemplarische Erfahrung.

Jetzt mag man einwenden: So viel Aufwand und Bahnhof für Theater-AGs oder Schul-Bands? Ist das nicht völlig übertrieben? Nein, ist es nicht. Im Gegenteil: Das Beste ist grade gut genug. Es sollte kein Unterschied gemacht werden zwischen Profi-Gastspielen und Schülerensembles. Anstrengen tun sich 
beide, letztere sogar mehr. Weshalb dann nicht beide für voll nehmen? Man muss mit den Schülern auf Augenhöhe arbeiten, dann geben sie, was sie können. Sie bekommen Bühne, Technik, Techniker, Künstlergarderobe und Catering! Und die Kultureinrichtung bekommt ein Maximum an Ernsthaftigkeit, Spielfreude und Anerkennung! Das Haus nimmt sie nicht auf die leichte Schulter, und sie nehmen es im Gegenzug auch nicht auf die leichte Schulter. Sie wollen ernstgenommen werden. Sie müssen ernst genommen werden, wenn wir gescheite Leute wollen, die nachkommen, gescheitere als wir es waren…. Die Ressourcen sind da. Bürokratisches Denken, gesetzliche Ängstlichkeit und mangelnde Begeisterung verhindern oft ihren Einsatz.

Den Schulen geht es nicht gut. Sie sind personell und von den Mitteln her schlecht ausgestattet. Die Gesellschaft und ihre Kinder/Schüler werden unsozialer und in der Breite spielt Bildung eine immer geringere Rolle. Mit dieser Entwicklung werden Lehrer/Schulen oft überfordert und allein gelassen. Kultureinrichtungen können in diese Situation mit hineingehen. Da, wo es sie gibt, wo es Räume, Technik und Personal gibt. (Bei Bedarf müssen die MitarbeiterInnen in den Kultureinrichtungen mehr werden, um das stemmen zu können. Dabei kann schon ein zusätzlicher Bühnentechniker für die Schulen einer Stadt den ganzen Unterschied ausmachen.)

Die Kultureinrichtungen ihrerseits kranken zuweilen an Abgehobenheit und Bedeutungsverlust. Ihre Besucher sind die Bildungselite, die künftige oder gegenwärtige gute Gesellschaft, wenn nicht die crème de la crème, dann doch die crème. Die Kluft zur Fernseh- und PC-Kultur wird immer tiefer. Die Schulen haben das allgemeine jugendliche Publikum und können es in die Kultureinrichtungen bringen.



Wenn wir die Schulen für ‚Kulturarbeit’ gewinnen und die Kulturveranstalter für ‚Schularbeit’, wenn wir einen hohen kulturellen und veranstalterischen Standard mit einer hohen Gemischtheit des jugendlichen Publikums, einer publikumsmäßig möglichst vollständigen Abbildung der Gesellschaft zusammenbringen, dann wäre das ein großer integrativer, kultureller und schulischer Gewinn. Beginnen könnte es damit, dass Schulen und Kultureinrichtungen eine Art Kulturpartner würden. Statt Selbstaffirmation: Come together!  

 

Selbstaffirmation, Nebel und das aktuell schwierige Paar ‚Kultur und
Gesellschaft‘

Das allermeiste, was heute in Kultureinrichtungen, egal welcher Provenienz, läuft, ist dies: Ein bestimmtes Publikum/Umfeld genießt die Angebote von Spezialisten aus diesem Umfeld für dieses Umfeld. Selbstaffirmation. Jede soziale Gruppe braucht ihre Spiegelung, ihr Kultursegment zum Genuss, zur Pflege und Feier ihres Selbstbilds. Was darum herum geredet und geschrieben wird, dient bestenfalls als Feigenblatt. Faktisch geht es vor allem um Genuss. Doch der arbeitet nicht selbstredend dem Prozess der Zivilisation in die Hände.

Nein: Keine Angst, ich rede nicht der Beliebigkeit kulturellen Angebots das Wort. Obiges war die These. Jetzt kommt die Antithese: Ohne sperrige, unerhörte, entdeckende Kunst ist keine gesellschaftliche Ortsbestimmung und Entwicklung möglich. „Denn eine Gesellschaft ohne Jetztzeitkunst, ohne auf der Höhe der Zeit sich bewegende Musiker, Schauspieler, Schriftsteller, Tänzer, Filmemacher und Maler ist ohne Spiegelbild und ohne Wunschbild, befindet sich nur eindimensional auf einer Schiene statt auf einem Weg.“ (Aus einem Grundsatztext des Schwanen von 2003) Gerechtigkeit anstelle von Macht; Transparenz, Mitbestimmung statt herrschaftlichen Nebels, Wirklichkeitsabbildung statt Ideologie, Kunst statt Produktion von Klischees. Das sind die Begriffe, mit denen viele und dann auch die ’68er und ihre Kultureinrichtungen antraten. Und die immer noch richtig sind. Doch einlösbar durch – wie differenziert und elaboriert auch immer sie sei – Selbstaffirmation?

In These und Antithese liegt eine Unschärfe im Begriff der Spiegelung. Einmal ist sie das Trugbild, mit dem sich so wunderbar leicht leben lässt, vorerst. Und einmal das Spiegelbild als Dekuvrierung, Enthüllung, das da ist, um Korrekturen in Richtung „humanere Gesellschaft“ auch nur denken und benennen zu können. Das sind die zwei Extreme von Kultur. Selbstaffirmation einerseits, Ideologiekritik und partielle Vorwegnahme der Utopie eines Besseren andererseits. Glänzen können und tun beide. Und beide Spiegelungsarten machen deutlich: Es ist nicht (allein) an einem Kulturangebot ablesbar, ob dessen Wahrnehmung seine Nutzer nachdenklicher, offener gegenüber dem, was das eigene Ich übersteigt, kritischer und selbstkritischer macht, oder ob es, im Gegenteil, sie zukleistert. Das Kulturprodukt und seine Nutzer müssen angeschaut werden. Die Relation. Was tut es, das ist: was tun sie/wir damit?


Johanna Teske. Krähenbaum. Kreide und
Reisskohle, 120 x 110,  2011

Das Feld der Kultur zwischen den Extremen von Blendung und Aufklärung ist heute durch eine potente und leichtfüßige Kulturindustrie einerseits und durch die starke, ähnlich leichtfüßige, immer neue  Auffächerung und Segmentierung der Kulturbereiche und  -produkte andererseits etwas unübersichtlich geworden. Bodennebel. Kulturvermarktung braucht Nebel. Ihr ist der Umsatz wichtig, und zum Schein das Produkt. Und, das ist das Pendant, auch die zahllosen Szenen mit ihren zig Tausenden von Produkten, Derivaten und Generika und mit ihrer dank Web stets und immer schneller und immer druckvoller möglichen Selbstvermarktung erzeugen einen gewaltigen Dampf, tendieren dazu, sich gegenseitig das Licht zu nehmen, die Sicht zu trüben, machen es denen, die tatsächlich den Nerv der Zeit treffen würden, schwerer, sich zu entwickeln, ihr mögliches Publikum zu finden und von diesem gefunden zu werden. Wir haben einen riesigen Supermarkt der Kultur. Wir sind zunehmend dieser Supermarkt. Es gibt immer weniger Leben außerhalb dieses Markts, weil es immer mehr Lebensbereiche gibt, die sich als „Kultur“ verstehen, proklamieren und auszuzeichnen versuchen, von der anderen Seite her gedacht: die vom Markt erfassbar, zu seinem Produkt transformierbar sind.

Je höher sowohl die Produktivkraft als auch die Legitimationskrise unserer Gesellschaft (s. Hartmut Rosa, Beschleunigung und Entfremdung, Didier Eribon, Rückkehr nach Reims u.v.a.m.), desto gewaltiger und handlungsbereiter die Menge derer, die ihr durch Kunst etwas entgegenzusetzen gedenken. Angesichts so vieler Sonnen steigt der Anteil des immer schriller, ausgefallener und technisch aufwendiger daherkommenden absichtlichen und unabsichtlichen Nonsens sowohl beim Angebotenen als auch beim Eingekauften des Kulturmarkts bedenklich an. Um einem Missverständnis vorzubeugen: Nicht die Ambitionen der Vielen sind das Problem, nicht das fast religiöse Aufladen auch noch der profansten Dinge mit ’Kultur’ und ihr fast kindlich-bereitwilliges Rezipieren ist das Problem, sondern, um es mit Salman Rushdie auszudrücken („Wut“, Roman, London 2001), die millionenfach enttäuschten Erwartungen, die vergeblichen, zerstörten Hoffnungen in einer Gesellschaft, die so reich und produktiv ist wie nie zuvor, kurz gesagt: Das im Korsett liegende sehnsüchtige Herz.

Viel Glanz und viel Elend. Viel Glamour, wenig Licht. Viel Sehnsucht, wenig Wege. Harte Zeiten für Kulturarbeit . Was ist erkennbar, was hat welche Wirkung? Was übersteigt gruppenspezifische Selbstaffirmation tatsächlich in Richtung der Entwicklung nicht derer, die eh schon entwickelt sind, sondern in Richtung einer Stärkung von diffamierten und ausgegrenzten Minoritäten oder in Richtung eines Angstabbaus bei den von sozialem Abstieg Bedrohten der Mitte, eines Schwächer Werdens sozialer Eifersucht zu Gunsten neugieriger Offenheit gegenüber und  Empathie mit noch Schwächeren? Was übersteigt eine in sich kreisende Kultur-Maschinerie in Richtung der Entwicklung einer – ja, weshalb denn nicht – Selbstentmachtung der Mächtigen, Einsicht der Mächtigen in die Unvereinbarkeit von Macht mit Transparenz, Mündigkeit und Humanität dieser ihrer Gesellschaft? Man sieht es dem Publikum einfach nicht an. Es mag lebendig sein, lebhaft, interessiert und nett – und  dennoch: Was geht? Was passiert?


Johanna Teske, o.T., Aquarell/Tusche 49x60 2007

“Der Schwanen soll im kulturellen Sinn wirkliche Vielfalt und scheuklappenlose Bildung anregen, und in sozialer Hinsicht die Verbindung disparater oder gar auseinandertreibender Kulturen und gesellschaftlicher Gruppen fördern.“ (Grundsatztext 2003) „Soll“. Aber tut er es? Tun es andere? Zu fragen und der Versuch, Antworten zu finden, mag schon mal ein bisschen helfen.

 

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