Editorial

BSB 2019
Die 15. Jugendkulturwoche für  Vielfalt und gegen Rassismus

Bunt statt Braun und die Angstmacher für Deutschland

Wir wollen nicht die Geschichte von Bunt statt Braun, die schon oft erzählt wurde, einmal mehr erzählen. Sondern auf den Kern hinweisen.
„Bunt statt Braun“ ist eine Maßnahme gegen die Entwicklung beschränkter Realitätswahrnehmung und starrer Haltungen. Schülerinnen und Schülern werden über Kultur, über Filme, Konzerte, Theater, Rollenspiele und Workshops wesentliche Fragen und Handlungsspielräume ihres Lebens verdeutlicht. Wird mein „Ich“ stärker, je mehr ich das, was nicht zu mir passt, angreife und wegdrücke? Wird also mein „Ich“ weniger, verschwimmt es, je weniger ich mich dem Fremden verschließe? Und was mein vielleicht zu mir nicht passendes Gegenüber betrifft: Nutzt dieses Gegenüber es aus, wenn ich ihm freundlich gegenübertrete? Oder ist es wahrscheinlicher, dass mein Gegenüber dann mehr Luft hat und mir sogar eher eine nicht ganz kalte Hand reicht?

Bunt statt Braun: Es geht darum, Jugendlichen zu helfen, sich im Leben zu orientieren. Die entscheidende Frage ist: Wie verhalte ich mich grundsätzlich gegenüber Menschen? Eine gute Antwort wäre: Egal, ob fremd oder vertraut – der Andere Mensch gleicht dir, er ist dir ähnlich. Das liegt der Idee der Menschenrechte zugrunde. Auch er hat ein Verlangen nach Glück, auch er hasst, verehrt, hat Angst, ist mutig, zaudert, ist bequem, fleißig, faul, diszipliniert, stolz, demütig, genießerisch, auch mal dumm, auch er lügt zu Zeiten – und liebt. Alles so ungefähr wie bei dir. Und das, was du aus diesem Arsenal jeweils für dich auswählst, nicht wirklich frei auswählst, ist zu einem guten Teil abhängig davon, wie andere dir begegnen. Auch, wie du dir selbst begegnest. Was du dir antust, wenn du zu dir selbst hart bist, wenn du etwas in dir abwürgst, wegdrückst, wegtrainierst. 

Keiner kann aus seiner Haut. Jeder hat seine blinden Flecken, seine Mauern, hinter die er nicht schaut und hinter denen deshalb das Fremde sitzt, das angeblich Fremde. Man braucht diese Mauern ja nicht gleich dem Erdboden gleichzumachen. Doch wir brauchen mehr Gelassenheit. Gelassenheit wird oft mit Nachlässigkeit verwechselt. Sie meint aber das Gegenteil: Weite des Horizonts. 

Radierung von Moritz Baumgartl, ca. 1975

 

Bunt statt Braun: Das hat nichts mit „Aushalten“, „Verzichten“ und „Aufopferung für Andere“ zu tun, auch nichts mit „Sich sehr anstrengen, gut zu sein“. Zum Anstrengen und zur Perfektion neigen wir, weil wir alle engagiert sein und gut dastehen wollen. Bunt statt Braun aber hat mehr mit Realismus zu tun, mit Klarkommen (mit dem, was ist). Wer Sachen ändern will, muss erst mal in der heute gegebenen Vielfalt unserer Realität ankommen, sich in ihr orientieren können. Dazu braucht man einen weiten Blick. So wenig Mauern wie möglich. Es braucht Lockerheit, ein unverkrampftes ‚Ich‘, um überhaupt in die Lage zu kommen, privat oder politisch im Sinn von Gerechtigkeit handeln zu können (ohne die es nie und nirgends Frieden gibt). Weite: in diese Richtung zielt die Bunt statt Braun Woche.

Unseren inneren Mauern entsprechen äußere Verengungen und Verhärtungen. Kinder und Jugendliche wachsen in einer wie selbstverständlich auf Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Menschen und der Natur basierenden Wirtschaftsweise des „immer schneller“ und „immer mehr“ auf. Wirtschaft, Gesellschaft und Staat verklären im Großen und Ganzen die Spaltung in arm und reich – in Deutschland und auch global im Vergleich der Länder – als unvermeidbar, naturgegeben und bestenfalls oder immerhin graduell zu ändern. Das Vorhandensein von Armut, gekoppelt mit der Gefahr und der Angst davor, noch ärmer zu werden, erscheint als normal. Und damit auch die Ungerechtigkeit in der ungleich geförderten Befähigung der Menschen, die immensen Möglichkeiten der Bildung und des Genusses der heute erreichbaren Weite der Welt nutzen zu können. Angst und Ungerechtigkeit aber sind Mauerbauer par excellence. 

Bunt statt Braun: Statt eines gesellschaftlichen Klimas, dessen oberste Prioritäten Leistung, Auslese, „Qualifizierungsmaßnahmen zur Humankapitalbildung“ sind, braucht es Bildung, Zeit, Kultivierung der Herzen und des Handelns. Eine Stärkung der Persönlichkeit und der Standhaftigkeit beim Andersmachen hilft, die individuellen Voraussetzungen sinnvollen Handelns zu schaffen. Dabei muss den klassischen Bildungseinrichtungen geholfen werden. Die immer nur nach dem „wie viel“ und nicht nach dem „was“ und dem „wie“ fragenden Wachstumsprediger (Angstmachen mit Angst vor zu wenig ökonomischem Wachstum und damit dem Verlust der Stärke unseres Landes und seiner Sozialleistungen) sind sehr mächtig. Und die schwarz-weiß malenden Prediger von Mauern (Angstmachen mit Angst vor einer Anämie des Volkskörpers, vor zu wenig naturgegebenem, reinblütigen deutschen Leben und damit vor dem Verlust der dampfenden Stärke ihres Landes und der Aufgehobenheit jedes einzelnen Trägers deutschen Blutes im Volksblut) entwickeln eine zunehmende Anziehungskraft.

Nur auf diese Prediger als Schuldige zu zeigen, hilft nicht. Wir aber können etwas bieten, geben, ein Stück Vielfalt zeigen, exemplarisch vormachen, darauf kommt es an. So verstehen wir unsere Jugendkulturwoche. 

Die Angstmacher für Deutschland leben im Reich der Schatten. Sie brauchen hohe Mauern, einen mächtigen Schutzwall. Die Buntheit der Welt ist für sie Gift: sich zu freuen am Gewusel und Gewimmel der Welt, locker vom Hocker zu sein, das Lächeln der Mona Lisa auch mal zum Lachen zu bringen, lieber ab und an den Blick schweifen zu lassen als immer nur ernst durchblicken zu müssen. Gewusel, Lockerheit, Schweifen, Lachen – das sind für die sendungsbewussten Volks-Eiferer Fremdworte. Stärken wir sie, diese Worte, und das dahinter: den menschlichen Menschen!! 

Das Bunt statt Braun Team 

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