Kulturarbeit und Soziale Arbeit im Schwanen. Schritte auf neuem Terrain

Und die einen sind im Dunkeln
und die andern sind im Licht
und man siehet die im Lichte
die im Dunkeln sieht man nicht.
(Brecht, Dreigroschenoper)

Am Ende dieses Berichts wird die nachstehend fettgedruckte Schlussfolgerung gezogen. Verständlich, wenn dem so sei, wird sie erst durch den Text, der ihr vorhergeht.
Deshalb funktioniert eine Kulturarbeit, die ihre soziale Seite nicht vernachlässigt und über Kultur integrierend, zusammenführend wirkt, nur mit tatsächlicher Vielfalt der Teilnehmer*innen und mit eigenen, selbstgewählten und selbstentwickelten Projekten. Das ist der Boden, den es in Happyland nicht gibt. Das ist der Boden, in welchem das Salz des Lebens liegt, seine Kraft, die Möglichkeit der Negation von Belanglosigkeit und Langeweile.

I


Das Thema „Soziale Arbeit“ zieht sich wie ein roter Faden durch die bald 20 Jahre des Kulturhauses. Von Anfang an gibt es Schultheater im Schwanen. Und von Anfang an haben wir das Gefühl, dass da etwas anderes, etwas abseits unserer normalen Kulturarbeit passiert. Das liegt an der Art des Einsatzes der jungen Schauspieler*innen. Mit Haut und Haaren. Und am Dabeisein auch der Anderen. Es sind nicht immer Gymnasien, die mit ihren Theater-AGs kommen, und selbst da sind die Gruppen heterogen. Nicht alle Theaterbegeisterten „sind im Licht“, auch wenn sie auf der Bühne im Licht sind. Nicht alle sind vom Stamm der Schönen und Glücklichen. Und nicht alle kommen aus gebildeten, mehr oder weniger gut gesicherten und versicherten Familien. Die Anderen, das sind die in mindestens einer, oft aber in vielfacher Hinsicht Darbenden. Glück sieht sich, im positiven Sinn, jeweils ähnlich. Unglück hat viele Gesichter. Ein Ensemble von lauter Glücklichen hat es gegen die Produktion von Langeweile relativ schwer.

Die Schultheaterarbeit in Kooperation mit dem Schwanen wächst bis heute stetig an. Anfangs war es eine, inzwischen sind es zehn Schulen und freie Ensembles, die zusammen mit uns Theater machen. Etwa ebenso viele Schulbands beteiligen sich an den mit dem Schulamt Backnang veranstalteten Schulbandfestivals.

II


Seit 2004 gibt es im Schwanen die Bunt statt Braun-Jugendkulturwoche für Vielfalt und gegen Rassismus. Das ist, inzwischen organisiert von mehreren Veranstaltern, eine bildende und die soziale Bindung stärkende Jugendarbeit mit den Mitteln von Kunst und Kultur. Ein zentrales Element dabei: Theater. Auch hier besteht das Publikum aus Klassen, die mit ihren Lehrer*innen kommen. Dieses Jahr etwa beim Theaterstück „Die Wolf-Gang“ (Jugendclub des Theater Ravensburg). Es hatte Mobbing zum Thema, Identität, Gruppenidentität, Abweichung von ihr und, als Reaktion, Anwendung von Gruppenzwang und Gewalt. Im Publikum waren, neben den bloß Passiven, Zuschauenden, auch die tatsächlichen oder potentiellen Gruppenabhängigen oder Mobber vertreten, und die Gemobbten. Das bringen Klassen so mit sich. Und die Darsteller waren nicht viel älter als die Zuschauer. Dies war – und das ist bei Bunt statt Braun die Regel – eine Gemengelage, welche für die Wirkungsentfaltung von Theater extrem gut ist. Die Flammen züngelten, im Publikum wie auf der Bühne. Die jungen Amateure gingen bis an ihre Grenze. Da wurden Dinge verhandelt, die fast nur im Theater, spielerisch, im „als ob“, verhandelbar sind. Die bei Bunt statt Braun üblichen Theatergespräche im Anschluss an die Stücke haben ein ungemein großes und dynamisches Erkenntnispotential für alle Teilnehmer*innen.

III


2015/2016 nahm das Team des Schwanen an einer auf das Haus zugeschnittenen umfangreichen Weiterbildung teil. Es war ein begleiteter „Interkultureller Öffnungsprozess“, der vom Forum der Kulturen Stuttgart e.V. und dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg organisiert und finanziert wurde. Es ging darum, den Schwanen einmal mit anderen Augen zu sehen und Antworten auf diese oder ähnliche Fragen zu suchen: Was machen wir hier eigentlich und für wen? Wer kommt ins Haus, für wen öffnen wir das Haus, wer fühlt sich hier wohl? Einige Antworten erzeugten Unbehagen. Im nicht für Schulklassen gemachten Teil des Schwanenprogramms stehen zwar Künstler aus aller Welt auf der Bühne, im Publikum aber gibt es wenig Menschen mit bi- oder multinationaler Biographie. Welche hier leben, Steuern zahlen, im kommunal finanzierten Schwanenprogramm aber wenig für sich finden. Und auch im Team nicht vorkommen. Können wir das ändern? Wollen wir das ändern? Und wo wir schon mal dabei waren, kam noch ein Weiteres in den Blick: Sozial schwache Menschen oder Menschen, die von der Gesellschaft als schwach angesehen und Richtung Rand (Dunkel) gedrängt werden, kommen im Schwanen auch nur am Rand vor. „Soziokultur“?

IV
Zur Zeit der Ankunft zahlreicher Flüchtlinge oder Reisender im Unglück startete das Café Babel Projekt. Der Schwanen hatte im Frühjahr/Sommer 2015 das Glück, die freie bühne stuttgart, die ohne eigenes Haus oder eigene Räume ist und im kulturell diversen, interkulturellen und inklusiven Bereich arbeitet, anzutreffen. Sie begreift Schauspiel-, Tanz- und Gesangsunterricht als soziale Arbeit und soziale Arbeit, also eine Menschen mit unterschiedlichster Herkunft (Bildung, Status, ökonomischer Ausstattung, Natur, Begabungen, Behinderungen mit anderen Begabungen, Problematik, Chancen) fördernde und zusammenführende Arbeit als Kulturarbeit. Der Schwanen bringt Räume und personelle Ressourcen ein und Offenheit, sich auf solche Art von Kulturarbeit einzulassen. Die freie bühne straßenpädagogische Erfahrung und theaterpädagogische Kompetenz ein und die Kompetenz der Theater-, Tanz- und Gesangsprofis.

Unser gemeinsamer Plan war, den Schwanen im Zug der integralen Theaterarbeit auch für die Kultur der neu ankommenden „Fremden“ zu öffnen. Und die „Fremden“ für die Kultur des Schwanen und der freien bühne. Wir stehen zwar für eine Art noch nicht mehrheitsfähige Randgruppenkultur, doch im globalen Vergleich machen wir einfach „mitteleuropäische Kulturarbeit“. Das Projekt hieß „Café Babel“, in Antithese zum Turmbau zu Babel, und wusste noch nicht, dass es nur das erste in einer Reihe von weiteren war. Heute ist der Name des Gesamtprojekts (Dachbegriff) „Café Babel Produktion“, und die bisherigen einzelnen Projekte waren „Café Babel“, „Der Berg“ und „Up side Down“. Das, welches gerade begonnen hat, heißt „Sprünge für das Leben“.

Das zweite Glück war der Einstieg des Syrers Fadi Al-Sabbagh ins Projekt. Al-Sabbagh ist Schauspieler aus Damaskus und wohnt mit seiner Familie in Waiblingen. Er hatte im Herbst 2015 mehrmals sein selbstgeschriebenes Fluchtstück „Jasmin“ aufgeführt. Mit einem arabischsprachigen Theatertechniker-Team. Und einer syrisch-deutschen Dramaturgin und Übersetzerin. Er spielte das Stück also auf Deutsch. Im August war der Schwanensaal oft frei, also Türen auf für Leute, die nichts haben, kein anerkanntes Irgendwas, aber die künstlerische Kraft, einen Saal auszufüllen.

Fadi Al-Sabbagh also brachte sich ins Café Babel Projekt ein. Er stellte einen wichtigen Teil der Brücke zu den arabischsprachigen Flüchtlingen dar, die damals noch kaum Deutsch sprachen. Zum Kick Off im Januar 2016 kamen ca. 50 Menschen. Und, wie immer, Menschen aller möglichen anderer „Zungen“. In den Proben wurde neben deutsch, arabisch und englisch auch französisch oder spanisch gesprochen, für Menschen aus Afrika oder Südamerika. Und dann auch iranisch, russisch, japanisch. Aufführungssprache war hauptsächlich Deutsch. Lieder gab es arabische und deutsche, alte deutsche Volkslieder, die arabischen Volkslieder wurden durch Handlung und Mimik „übersetzt“, wo sie nicht verbal übersetzt werden konnten.


Etwa 30 Interessierte blieben nach einem Monat übrig, ein vergleichsweise hoher Prozentsatz. Schüler, Studenten, Auszubildende, Menschen von unten (quasi von der Straße) und von oben (Schülerin, die mit 14 Jahren Shakespeare auf Englisch liest), schlecht und gut Erzogene, Behütete und nicht Behütete, einfach querbeet. Nicht nur die Wonnigen/Sonnigen aus Happyland, die oft die professionell angeleiteten Theaterangebote nutzen. Es mag seltsam klingen, aber gerade die Theaterarbeit, bei der abgehängte, im Sinn von Leistung oder Erfolg eher wenig punktende Jugendliche zusammen mit den ‚Starken, Guten und Schönen’ etwas proben, etwas aufbauen, schaffen, geht in irgendeiner Weise direkt ins Herz.


Bei der Café Babel Produktion ist dieses Nicht-Auslese-Prinzip sehr konsequent realisiert. Junge Kriegsmigranten, trainierte Jungs Mitte zwanzig, wurden ins Ensemble eingeladen ebenso wie junge Menschen mit Down Syndrom und unsichere junge Leute, die sozialer oder psychosozialer Betreuung bedürfen. Gespielt werden nicht zuletzt eigene Geschichten, selbst entwickelte Themen. Das ist Kulturarbeit als soziale Arbeit, nicht im üblichen Sinn von Sozialarbeit, sondern in dem von Arbeit und Zusammenfinden einer scheinbar absolut heterogenen Gruppe im Medium von Theaterspielen, Singen und Tanzen. Eine soziale Kulturarbeit, die damit zu ihrem ursprünglichen Kern kommt. Oder, anders herum, soziale Arbeit als Kulturarbeit, eine soziale Arbeit, die ihr eigentliches Ziel auf diese Weise konsequent im Auge behält. Das gehört zusammen, Yin und Yang, zwei Seiten Desselben. 

Wer Jugendliche und junge Erwachsene mit Erwartungen belädt, macht es schwer für sie. Wenn sie aber in ihren eigenen Anliegen ernst genommen werden und merken, dass sie in diesem Feld etwas können, werden sie stark, werden dann unversehens, was sie im Grund schon sind, und nicht, was wir denken, dass sie werden sollen.

Deshalb funktioniert eine Kulturarbeit, die ihre soziale Seite nicht vernachlässigt und über Kultur integrierend, zusammenführend wirkt, nur mit tatsächlicher Vielfalt der Teilnehmer*innen und mit eigenen, selbstgewählten und selbstentwickelten Projekten. Das ist der Boden, den es in Happyland nicht gibt. Das ist der Boden, in welchem das Salz des Lebens liegt, seine Kraft, die Möglichkeit der Negation von Belanglosigkeit und Langeweile.

 

Cornelius Wandersleb

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